Beschreibung eines Tauchgangs vor Tobago/West Indies

Spring und staune was passiert!

von Gabi Glaezer
Hier sitze ich nun auf dem Rand von Dereck's Schnellboot fertig für meinen ersten Tauchgang. Wir sind zu viert und Dereck unser Tauchführer hat uns vorab erklärt, was uns bei diesem Tauchgang erwartet. Da ist John, der seinen Tauchschein vor einigen Monaten in Venezuela gemacht hat und ich habe den Eindruck, er ist schon sehr routiniert, zumindest was den Umgang mit dem Equipment angeht. Dann ist Mark mit von der Partie, der heute seinen letzten Tauchgang absolviert, den er zum Bestehen seiner Prüfung noch braucht. Nun, und ich bin ja seit 2 Wochen auch stolze Besitzerin des Paddy Open Water Divers Scheines, dennoch ist mir etwas mulmig, denn so tief wie wir heute tauchen werden war ich noch nie. Ich lasse mich also zu der ersten Rueckwärtsrolle meines Lebens vom Rand des Bootes aus fallen und stelle fest, es geht leichter als ich gedacht hatte.

Das Wasser ist schön warm und es ist gute Sicht, allerdings macht es mich etwas unruhig, daß ich den Grund des Meeres so üeberhaupt nicht sehen kann, und daß nur Dunkelheit und Wasser unter mir ist. Wir sammeln uns also an der Boje, an der das Boot festgemacht ist, zum Abtauchen und als es dann endlich losgeht, fühle ich mich wie in einer anderen Welt. Ich höre nur noch meinen Atem, der durch den Lungenautomaten rasselt und beim Ausatmen die typischen Blubbergeräusche macht. Unter uns ist Leere und das Seil an dem wir abtauchen, ist der einzige Anhaltspunkt. Ich bin froh, daß die anderen drei in meiner Nähe sind, selbst wenn ich mich mit ihnen nur durch Handzeichen verständigen kann, es gibt mir das Gefühl, nicht so ganz allein in dieser endlosen Weite zu schweben.

Wir sinken langsam in die Tiefe und ich hangle mich an dem mit glitschigen Algen bewachsenen Seil nach unten. Einige Muscheln haben die Algenschicht des Seils als ihre Heimat auserkoren, und da wir keine Handschuhe tragen, schneide ich mich dann auch prompt an einer der scharfen Muschelkanten. Durch meine Taucherbrille versuche ich die Verletzung genauer zu untersuchen und stelle fest, es blutet sogar ein wenig. Allerdings sieht es hier einige Meter unter Wasser schon recht komisch aus, ich habe nämlich auf einmal blaues Blut und da fällt mir auch wieder ein, daß wir im Tauchkurs ja gelernt haben, daß unter Wasser die Farben absorbiert werden und rot als erste Farbe wegfällt.
Wenn ich mir meine 3 Tauchpartner ansehe, dann sehen sie auch ganz schön blaß aus, wahrscheinlich wegen der fehlenden Farben. Es geht tiefer und tiefer und ich fühle mich etwas isoliert, wenn ich darüber nachdenke, wieviele Tonnen Wasser jetzt über uns sind und daß ich zum Überleben einzig auf den Luftvorrat in meiner Flasche angewiesen bin.
Plötzlich taucht ein riesiger Fisch neben uns auf und schwimmt neugierig und ziemlich dicht um uns herum. Das ist Jacob der Jewfisch (Zackenbarsch), von dem Dereck schon erzählt hat. Ich war allerdings nicht darauf gefaßt wie groß er ist. Er kommt ganz nah heran, hat ein breites Maul, in dem ich zum Glück keine Zähne entdecken kann, ist sandgrau mit hellbraunen Flecken und dunkel- braunen Punkten und hat einige gefährlich aussehende Stacheln auf dem Rücken, von denen ich mich lieber fernhalte. Er folgt uns bei unserem Abstieg und bleibt uns wie ein Hund dicht auf den Flossen.

Endlich sehen wir das Wrack zu dem uns dieser Tauchgang führen sollte. Wir schweben über dem Bug, und ich bekomme langsam ein Gefühl füer die Dimensionen des Schiffes.
Es ist die alte Fähre "Maverick", die vor einigen Jahren zwischen Trinidad und Tobago gefahren ist, und dann abgewrackt wurde und hier vor ca. 4 Jahren versenkt wurde. Ich erkenne gut die Aufbauten, das Ruderhaus und endlich auch den Meeresboden auf dem sie liegt. Mir ist immer noch ein wenig übel von der Bootsfahrt hierher und es schleicht sich der Gedanke in meinen Kopf, was ich wohl hier unten tun soll, wenn mir auf einmal schlecht wird und ich mich übergeben muß. Ein leichtes Panikgefühl legt sich wie eine kalte Hand um mein Herz und ich merke, wie mir bei diesem Gedanken immer übler wird. Ich habe schon von einer Frau gehört, der sowas mal passiert ist und die es überlebt hat, weil sie nicht die Nerven verloren hat. Also schlucke ich meine übelkeit und Angst herunter und konzentriere mich wieder auf meine Umgebung, was nicht schwerfällt, weil es wirklich so viele wundervolle Dinge zu sehen gibt.

Es sind Schwärme von Fischen hier unten, schnelle glitzernde, die an uns vorbeizischen und hoffentlich nur Tunfische und keine Barrakudas sind. Der Barrakuda neulich am Strand, den ein paar Fischer gefangen haben, hatte eine Menge messerscharfe kleine Zähne. Es gibt allerdings auch langsamere Fische, Schwärme von kleineren Jewfischen, vielleicht Jacobs Kinder oder Enkel und die flachen, bunten Angelfische, die ich schon beim Schnorcheln so bewundert habe. Einige Lionfische mit ihren giftigen Stacheln gleiten ruhig dahin und die bunten Parottfische schwimmen mit schnellen Bewegungen ihrer kleinen Seitenflossen an mir vorbei. Andere sind so schnell, daß ich sie mit den Augen fast nicht verfolgen kann, wenn sie in der Weite des Meeres verschwinden.

Dereck macht ein paar Fotos von uns und den Fischen und gibt uns dann ein Zeichen, durch die ca. 3x3 Meter grosse Luke in den Laderaum der Fähre zu tauchen. Als er oben davon gesprochen hat, habe ich noch gedacht: Ohne mich, das könnt Ihr schön alleine machen! Aber mittlerweile fühle ich mich schon so vertraut und auch die Tiefe macht mir nicht mehr so viel zu schaffen, daß ich denke, ich kann ja mal kurz reinschauen wie es dort drinnen aussieht und gleich wieder raus, wenn es mir zu unheimlich wird. Ich bin natürlich dann doch mit in den Laderaum getaucht. Meine Neugier erwies sich als größer als meine Angst und es war wohl nur meine manchmal übergroße Phantasie die irgendwelche Gefahren zu sehen glaubte.

Das Innere des Laderaums ist dann auch wirklich sehenswert. An den Seiten sind große Fenster, durch die das Licht einfällt, fast wie in einer Kathedrale und es bewirkt in mir ein Gefühl der Ehrfurcht vor den Wundern und Schönheiten der Natur. Wir tauchen durch den Laderaum zur hinteren Heckklappe der Fähre, durch den die Autos und LKW's ein- und ausgeladen wurden. Wie war das wohl damals, als hier Menschen rumgelaufen sind und die Autos zum Parken angewiesen haben und jetzt ist alles in himmlische Ruhe und sanftes Schweben getaucht?

Wir tauchen durch die Heckklappe raus aus dem Laderaum und ich bin doch ziemlich froh, wieder "offenes Wasser" über mir zu haben. Vor lauter aufregenden Sehenswürdigkeiten habe ich dann doch eine Weile vergessen, auf mein Finimeter zu achten, was mir anzeigt, wieviel Luft ich noch habe. Von den 200 bar mit denen wir losgetaucht sind, sind noch etwa 75 übrig und bei 50 bar beginnt die rote Markierung für die Reserve und da sollten wir eigentlich wieder oben sein. Etwas unruhig zeige ich Mark meine Anzeige und sehe mir dann seine an, die auch nur noch 75 bar anzeigt, worauf ich dann schon wieder etwas ruhiger werde. Wir schweben entlang der Bootswand und bestaunen den Korallen und Muschel- bewuchs und entdecken auch noch 3 Hummer, die sich unter einem Blech vor uns verborgen halten. Schließlich zeige ich Dereck mein Finimeter und einige Minuten oder sind es Sekunden später, ich habe jegliches Zeitgefühl verloren, winkt uns Dereck zur Bugleine und gibt dann das Signal zum Auftauchen. Wir steigen langsam nach oben und die Fähre ist bald nicht mehr zu sehen. Noch ein letzter Gruß an Jacob der uns begleitet und beim Hochhalten und Winken mit der Hand immer gleich angeschwommen kommt. Warscheinlich denkt er, es gibt was zu fressen, aber meine Finger sind dann wohl doch nichts für ihn; Was für ein Glück für mich.

Ich konzentriere mich wieder auf meine Atmung und meinen Körper und nach einigen weiteren Metern Aufstieg merke ich deutlich, wie der Druck des Wassers weniger wird. Mein Nacken und mein Kopf fühlen sich leichter und entspannter an und ich merke erst jetzt, wie trocken meine Kehle vom Atmen der Pressluft ist. Nach einem, wie mir scheint, endlosen Sicherheitsstop auf 5 Metern, es waren in Wirklichkeit nur 3 Minuten, wird mir wieder bewußt, wie unterschiedlich ich Zeit empfinde. Wir waren nur 25 Minuten unten und ich habe den Eindruck von einer anderen Welt erhalten, die die ganze Zeit schon da war, von der ich nur nichts wußte. Und wie groß meine Unsicherheit und Angst anfangs auch war, letztendlich war alles viel zu aufrengend und spannend und das Gefühl, meine Angst besiegt zu haben, ist doch schließlich mit nichts zu vergleichen.

© by G.Glaezer